Geschichte

Bis heute bildet der Brand des einstigen Kinos in Amudê eine offene Wunde im kollektiven Bewusstsein der kurdischen Bevölkerung von Rojava im Norden Syriens: Am 13. November 1960 wurde ein ägyptischer Kinofilm mit dem Titel "Der Mitternachtsgeist" gezeigt, und zwar als Teil einer Woche der Solidarität mit den Kämpfen Algeriens für dessen Unabhängigkeit von Frankreich. Offizielle syrische Stellen zwangen damals die Bevölkerung Geld für die "algerischen Brüder" zu sammeln, und in Amudê ordnete das Regime an, dass alle Schülerinnen und Schüler der dortigen Schulen das Kino besuchen mussten, um den genannten Film zu schauen. Der Film wurde mehrmals gezeigt und jedes Mal war das Kino überfüllt: Eigentlich hatte es 200 Sitzplätze, aber als das Feuer ausbrach, befanden sich 400 Kinder im Gebäude, so wird sich heute erzählt. Wahrscheinlich wegen Überhitzung durch Überbeanspruchung stand das Abspielgerät des Filmes in Flammen. Die Flammen griffen schnell auf den hölzernen Dachstuhl des Gebäudes über, der mit Stroh und Lehm bedeckt war. In kurzer Zeit stand das gesamte Kino in Flammen, insbesondere auch die Wände, die mit Tüchern verkleidet waren. Zu Beginn des Brandes brach eine Panik aus, die Kinder versuchten, die Ausgänge zu erreichen, es standen jedoch nur zwei enge Türen zur Verfügung, die sich lediglich nach innen öffnen ließen. Mindestens 186 Kinder im Alter zwischen 8 und 14 Jahren starben damals.

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Gräber der Opfer

Ein arabischer Einwohner von Amudê, der damals zufällig an dem brennenden Gebäude vorbeikam, konnte zwischen 20 und 30 Kinder aus dem Feuer befreien, bevor er selbst in den Flammen umkam. Das Denkmal, das Jahre später errichtet wurde, um an die Katastrophe zu erinnern, erzählt auch seine Geschichte. Es wurde von Algerien als Ausdruck der Solidarität mit den Menschen in Amudê gestiftet.

Hintergrund

Die Tatsache, dass das Feuer damals in dem überfüllten Gebäude ausbrach und die Tragödie nie vom syrischen Regime untersucht wurde, veranlasst Menschen bis heute anzunehmen, dass das Leben ihrer Kinder praktisch wertlos war. Denn kurdische Kultur und Sprache wurden seit Jahrzehnten in Syrien diskriminiert; politische Aktivitäten wurden mit Gewalt durch den Staat unterdrückt.

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Amude 2013

Politischer Hintergrund

Aber der derzeitige Krieg in Syrien hat alles verändert, mehr als 50 Jahre später ist Amudê heute Teil von Cizire County, eine von drei autonomen Regionen, welche 2014 während der Revolution von Rojava gegründet wurden. Die Menschen von Rojava kämpfen für Freiheit, Selbstbestimmung und echte Demokratie, inmitten einer Welt von entweder diktatorischen oder mittelalterlich-politischen Strukturen, unterstützt von westlichen sogenannten Alliierten, die keinesfalls an Menschenrechten orientiert sind, sondern vielmehr an ihren eigenen Interessen.
In diesen Zeiten gibt es selbstverständlich auch ganz andere Bedürfnisse als ein Kino zu errichten, aber zugleich auch die Sehnsucht hiernach. Denn es geht eben auch um Bilder, Filme, Geschichten, Gefühle und Träume und darum, ohne Zensur voneinander lernen zu können.